Pressestimmen
Die Katze in Goethes Bett von Letizia Mancino-Cremer
Medium: Rhein-Neckar-Zeitung
Datum: 16.11.2009
Rezensent: Heide Seele
"
Anspielungen über Anspielungen. Was ist Spaß? Was ist Ernst? Rasch durchschaut man die Mixtur aus Phantasie und realen Begebenheiten. Letizia Mancino-Cremer, gebürtige Römerin und Vorsitzende der Heidelberger Goethe-Gesellschaft, ist nicht nur belesen, sondern auch eine begeisterte Katzenfreundin. Nun ist es ihr gelungen, die Leidenschaft für das Werk Johann Wolfgang Goethes wie für das eigenwillige Schmusetier, das auch gern die Krallen zeigt, in Einklang zu bringen: in dem Buch „Die Katze in Goethes Bett", das am Wochenende in der Galerie Melnikow vorgestellt wurde. Es ist aus der Sicht der Katze geschrieben und gestattet intime Blicke auf den Olympier, der am 8. September 1786 incognito von Weimar' nach Italien „geflohen" war und sich in der Via del Corso in Rom niederließ.
„Kätzchen Schönkopf" ist also - gemeinsam mit Letizia Mancino - Autorin der Neuerscheinung, die „Goethes schwierigste Liebesbeziehung in Rom" (Untertitel) auf skurrile Weise thematisiert. Ein Vergnügen für Goethe-Liebhaber wie für Katzenfreunde. Anerkennung kam bereits von berufener Stelle, denn Volkmar Hansen, Direktor des Goethe-Museums Düsseldorf, lobt in seinem Vorwort den zauberhaften Umgang der Autorin mit Goethes „Italienischer Reise", ihr „Capriccio an Variationen zum Thema Rom". Mit Witz und Verstand verwebt Letizia Mancino Dichtung und Wahrheit und greift den alten Topos vom vorgefundenen und angeblich neu herausgegebenen Buch auf, indem sie Goethes lebensprägende Monate in Rom unter ihrem „römischen Künstlernamen" Kätzchen Schönkopf ausbreitet.
Fakten und Fiktion muss der Leser auseinander dividieren, denn manches stimmt, wie die eingestreuten Goethe-Verse („Römische Elegin"), die Briefauszüge von Frau Aja, seiner Mutter, die sich offenbar mit dem Kätzchen gut verstand, oder die Tischbein-Zeichnungen. Anderes ist mit Vorsicht zu genießen, zumal sich Kätzchen Schönkopf von der Herausgeberin abgrenzt, die ihr die Fähigkeit des Lesens, Schreibens und Dichtens verliehen hat. Der Leser bewegt sich also ständig auf doppeltem Boden, sieht sich, gefiltert durch die Augen des selbstbewusst-eifersüchtigen Kätzchens, als Zeuge von Goethes nicht immer erfolgreichen Liebesabenteuern und seiner Streitereien mit der tierischen Hausgenossin, mit der er vertraute Gespräche führt, die andererseits aber seine Gedichte respektlos umdeutet und auch eigene poetische Proben abgibt. Dabei spukt Frau von Stein im Hintergrund, hat der Weimarer doch ihretwegen die Residenzstadt verlassen.
Es ist also ein liebenswert-verrücktes Buch, eine amüsante Persiflage auf Goethes italienische Erlebnisse wie auf römische Zustände allgemein, und Kätzchen Schönkopf, das behauptet, in der ewigen Stadt würden Schwiegermütter und Kirchen regieren, bringt Goethes „Wer immer strebend sich bemüht, / den können wir erlösen" auf den Punkt: „Ein fauler Sack kommt nicht ins Paradies."
Die Katze in Goethes Bett von Letizia Mancino-Cremer
Medium: Rhein-Neckar-Zeitung
Datum: 11.04.2009
Rezensent: Birgit Sommer
" Sie hat kapriziöse Ideen. „Die Katze in Goethes Bett" hat es ihr als Liebhaberin von Goethe und von Katzen angetan, und so entsteht gerade das gleichnamige neue Buch von Dr. Letizia Mancino-Cremer. „Die Katze in Goethes Zimmer beobachtete seine misslungenen Liebesbeziehungen", sagt sie spitzbübisch.
Die gebürtige Römerin ist als leidenschaftliche Heidelbergerin bekannt, als Malerin, als Dichterin und Autorin, als Freundin von Hilde Domin und vor allem durch ihre Arbeit als Vorsitzende der Goethe-Gesellschaft. Als sie diesen Posten 1992 übernahm, hatte sie „keine Ahnung, was ein Verein ist". Etwas typisch Deutsches wohl, aber sie setzte dann ihre ganz Kraft ein. die abgebrochenen Beziehungen zur Universität wieder aufzubauen und den großen Weimarer, der meist nur als Dichter erfahren wird, in seiner ganzen Vollständigkeit - also vor allem auch als Naturforscher- darzustellen. „Ich mache weiter, so lange die anderen Mitglieder das Gefühl haben, dass ich neue Ideen bringe."
Unterstützung in ihrer Arbeit erfährt sie von ihrem Mann Professor Christoph Cremer, Physiker am Kirchhoff-Institut. „Goethe ist für uns beide ein Mensch, der die ganzen Möglichkeiten des Menschsems in sich vereinigen und entwickeln konnte," unterstreicht Letizia Mancino-Cremer. Kennengelernt hat sie den Wissenschaftler im Zug von Rom nach Heidelberg. Beide hatten dicke Bücherstapel bei sich, und die Italienierin, die sich sehr für Religion interessiert, vermutete bei ihrem Gegenüber eine Bibel darunter. „Die Begegnung war vom Schicksal vorbereitet", glaubt sie. „Es hat sich so ergeben, dass ich eine hochintelligente, kultivierte Person kennengelernt habe."
An Familie und Ehemann hatte die studierte Architektin bis dahin nie gedacht. „Aber das hier war eine andere Ebene. Ich dachte, da kommt eine fruchtbare Zeit mit uns beiden." Von ihrer Ehe schwärmt sie als Wahlverwandtschaft, anregend und intellektuell. „Mein Mann liebt meine Kunst und alles, was mit meiner Tätigkeit zu tun hat."
Eine italienische „Mamma", die nur an Kinder und Küche denkt, wäre aus Letizia Mancino nie geworden. Den Wunsch nach Kindern verspürte sie nicht, ihr Leben sollte der Kunst gehören. Aber kochen kann sie natürlich gut, und die viele hat sie zwei Bücher gewidmet. „Sage nicht Tod", heißt der Band, der Letizia Mancino-Cremer über das Leben hinaus mit Hilde Domin verband, und später widmete sie ihr ein lyrisches Porträt.
„Es gibt Perioden, in denen man Gedichte empfängt. Manche entstehen in der Nacht, und am Morgen sind sie mir total neu", sagt Letizia Mancino-Cremer. Gedichte, weiß sie, kommen in Krisen, Reifeprozessen, Umwälzungen. „Ein richtiges Gedicht verarbeitet tiefe Erfahrungen. Alles andere ist kleine Schokolade." Liebesgedichte etwa hält sie nicht für die originellste Produktion der Poeten. Ihr letztes hat sie mit 28 Jahren geschrieben.
Dass eine Italienerin, der man den Akzent durchaus noch anhört, Bücher und Gedichte auf Deutsch schreibt, ist erstaunlich. Auch wenn die Mittfünfzigerin bereits seit 1983 in Heidelberg lebt. Sie liebt die Sprache geradezu. „Man kann mit Deutsch wahnsinnig viel ausdrücken", sagt sie und beginnt, mit deutschen Worten und Lautveränderungen zu spielen. „Liebe ist viel schöner als amore", sagt sie sogar, „das hat etwas Geistiges, das fliegt... Liebe ist phantastisch!" Ihr Faible für Deutschland, ihre Sympathie für die zuverlässigen Deutschen, hat ihr wohl ihr Vater eingeimpft, der im Krieg deutsche Kameraden hatte. Später entdeckte Letizia Mancino-Cremer Beethoven und Goethe und die Anthroposophie. Heute findet sie in beiden Kulturen unglaubliche Ergänzungen. „Deutsche besprechen Dinge so lange, bis diese problematisch werden. Zum Ausgleich fahren sie dann nach Italien", erklärt sie ebenso. Gewitzt unterscheidet sie die Völker: Italiener seien Schwimmer, Deutsche seien Taucher.
Ihre erste Begegnung mit Deutschland war 1979 die Studienreise der italienischen Architektin in Sachen Denkmalschutz. Auch in Deutschland arbeitete sie zuerst fünf Jahre lang als Architektin im Heidelberger Büro Schröder und Stichs. Dort konzipierte sie zum Beispiel die künstlerische Gestaltung der „Bibliotheca palatina" zum 600-jährigen Jubiläum der Universität.
Doch die Architekten-Arbeit in Deutschland hatte ihr viel zu wenig mit Kunst zu tun. Sie machte sich 1988 als Künstlerin selbständig. Ihre Bilder - sehr viele, oft stark farbige Ölgemälde - waren in zahlreichen Ausstellungen zu sehen, zuletzt zeigte sie ihre Katzenbilder im „Augustinum". Der Stadtteil Emmertsgrund, in dem sie seit vielen Jahren wohnt und ein Atelier besitzt, liegt ihr am Herzen. Deshalb hat sie sich jetzt auch auf die Kommunalwahl-Liste der FDP setzen lassen. Sie will ein neues Bild vom Emmertsgrund vermitteln. „Es ist ein bisschen städtisch, lebendig und anregend", findet sie, „und es gibt hier Menschen, die viel auf die Beine stellen, um die Integration der Bewohner verschiedener Herkunft zu erreichen." Die überzeugte Emmertsgrunderin: „Ich fühle mich frei und sicher und genieße meine Nachbarschaft." "
Ein lyrisches Porträt von Hilde Domin
Medium: Mannheimer Morgen
Datum: 13.12.2008
Rezensent: Arndt Krödel
" Sie kannten sich nur wenige Jahre. Doch diese kurz bemessene Zeit war erfüllt von der tief en Freude, die zwei Menschen überkommt, wenn sie ihre Seelenverwandtschaft entdecken, ihr gemeinsames Interesse an den Dingen des Lebens und nicht zuletzt ihre Zuneigung füreinander. Im Jahr 1999 traf Letizia Mancino, aus Rom stammende und in Heidelberg lebende Malerin, Schriftstellerin und Architektin, die Dichterin Hilde Domin. Aus der Begegnung erwuchs eine persönlich-dichterische Freundschaft, die anregender und fruchtbarer kaum hätte sein können. Als ein Spiegel dieser Erfahrung entstand das Buch „Ein lyrisches Porträt von Hilde Domin", aus dem die Autorin Mancino jetzt unter regem Publikumsinteresse in der Heidelberger Universitätsbibliothek las. Der schmale Prosaband, eine bewegende Hommage Mancinos an die vor zwei Jahren verstorbene berühmte Freundin, erhebt nicht den Anspruch einer Biographie' im eigentlichen Sinne. Es sind vielmehr biographische Skizzen, zauberhafte Miniaturen, in denen die Autorin Facetten aus dem Leben und Werk Domins aufleuchten lässt, immer wieder ausgehend von einem ihrer Gedichte. Mit dem Blick der Malerin beschreibt Mancino die Person und Persönlichkeit der . Heidelberger Poetin, die bis ins hohe Alter nicht aufhörte, sich für das Leben zu interessieren und an ihm teilzunehmen.
Heiterkeit und Traurigkeit vereint
„Sie war ein Vogel, ein wundersamer Vogel" - was könnte das schwebende Wesen Hilde Domins, ihr Standhalten in all den Jahrzehnten eines unsteten Lebens und ihre tief empfundene Affinität zur Natur besser ausdrücken als diese metaphorische Umschreibung? Sie liebte die Vögel, die Bäume und den Frühling, und wenn der Herbst kam, legte sich ein Schatten auf ihr Gemüt: Die Vergänglichkeit der Natur erinnerte sie an ihre eigene Verletzbarkeit, schreibt Mancino, um zugleich das Janusgesicht Domins zu porträtieren, den schon bei ihr als Kind wahrnehmbaren raschen Wechsel von Heiterkeit und Traurigkeit.
Hilde Domins Lebensweg hatte viele Stationen, deren weiteste die Dominikanische Republik war. Er führte 1961 nach Heidelberg zurück, die Stadt, die sie liebte und in der sie 30 Jahre Zuvor in der Marstallmensa ihren Mann, den Kunsthistoriker und Archäologen, Erwin Walter Palm, kennen gelernt hatte.
Dass dieser im Übrigen von der Naturschwärmerei seiner Frau nicht gerade begeistert war, lässt Mancino mit leiser Ironie die Frage aufwerfen: War er vielleicht auf Bäume eifersüchtig gewesen? Die vor langer Zeit aus Italien nach Deutschland eingewanderte Autorin versteht es, mit knappen Strichen und pointiert eingesetzter Farbe ein lyrisches Porträt Domins zu formen, das in seiner Unverwechselbarkeit und sensiblen Deutung berührt. Mit einnehmendem römischen Charme trägt sie ihre Beobachtungen vor, die auch manches über sie selbst verraten. "
Ein lyrisches Porträt von Hilde Domin
Medium: Rhein-Neckar-Zeitung
Datum: 06.12.2008
Rezensent: Heide Seele
" Sie hatte ein gutes Verhältnis zu sich selbst und verfügte über das, was die Psychologen „Urvertrauen" nennen. Das verließ sie auch nicht in finsteren Tagen. Der Dichterin Hilde Domin, deren Lebenslauf den Heidelberger Kulturmenschen bestens vertraut ist, gilt eine liebenswerte Neuerscheinung, deren Autorin sie wirklich gut kannte, war sie doch sieben Jahre eng mit .ihr befreundet und ihr auch geistesverwandt. . Denn die gebürtige Römerin Letizia Mancino, die 1984 nach Heidelberg kam und sich hier als Malerin und Gestalterin von Ausstellungen in der Universitätsbibliothek rasch einlebte -1992 übernahm sie den Vorsitz der Goethe-Gesellschaf t -, verbrachte viele Stunden mit der einige Jahrzehnte älteren Freundin. Mit ihr hat sie gemeinsam ihre Gedichte ins Italienische übersetzte (60 Übertragungen waren es im Jahr 2000} und mit ihr hat sie auch zusammen gekocht. Davon erzählt sie in ihrem Büchlein, in dem sie der „Dichterin des Dennoch" ein weiteres von Herzen kommendes Denkmal setzt, hatte sie ihr doch schon 2007 den Lyrikband „Sage nicht Tod" gewidmet. Letizia Mancino rekapituliert knapp Porträt der Dichterin Hilde Domin, gemalt von Letizia Mancino als Cover des Büchleins. die Vita der 1909 in Köln geborenen Hilde Löwenstein: Als Tochter assimilierter Juden erkannte sie rechtzeitig die Zeichen der Zeit und emigrierte mit ihrem Noch-nicht-Ehemann Erwin Walter Palm 1933 zuerst nach Rom, dann über Paris nach England und schließlich 1940 in die Dominikanische Republik - daher ihr Künstlername Domin. Mancino führte viele Gespräche mit der Literatin, die primär durch ihre Gedichtbände berühmt wurde, aber auch Prosa schrieb. Die Römerin spricht davon, dass Hilde Domin, die sich 1961 in Heidelberg niederließ, trotz ihrer Robustheit immer etwas Kindliches anhaftete, dies eine treffende Charakteristik, die wohl mancher bestätigen kann. Sie wollte immer - so Mancino - ein ganzer Mensch sein, war manchmal aber auch ein „kleines Biest".
Letizia Mancino geht in ihrer Würdigung autobiografisch vor, indem sie in ihre Hommage ihre eigene .finge Beziehung zur Dichtkunst mit einigen Kostproben aus ihrer erwähnten Sammlung dokumentiert. Dazu im Kursivdruck dann Beispiele ihres Vorbildes, aus verschiedenen Bänden zusammengestellt, eindringliche Belege erlesener Lyrik, in denen unter anderem Domins Vorliebe für Vögel zum Ausdruck kommt, für Rosen, Bücher und Bäume.
Die Dichterin interessierte sich überdies sehr für Menschen. Bis ins hohe Alter veranstaltete sie Lesungen, besonders gerne auch vor jungen Menschen, und wenn einer von ihnen sie besuchte - das wissen wir aus eigener Erfahrung - freute sie sich wie ein Kind. Mancino investierte in ihr „lyrisches Porträt" viel psychologisches Verständnis, betont zum Beispiel, dass die Dichterin stets das kapriziöse Mädchen blieb, das sie in ihrer Jugend war, dass sie temperamentvoll und hartnäckig sein konnte, vor allem als energische Beschützerin bedrohter Bäume., Davon konnte OB Heinhold Zundel ein Liedlein singen. Schon das bereits entschiedene Fällen eines einzigen Gewächses wurde auf ihr Einschreiten hin zurückgenommen. Die Abholzung einer Straße hätte sie zu verhindern gewusst.
Sie mischte sich überhaupt gerne ein, war ein hellwacher politischer Mensch und ein Energiebündel. „Ihr heiliger Zorn ließ Behörden erzittern wie Zweige im Sturm" (Mancino), und Hilde Domin glaubte an Wunder, da sie von der Kraft der Humanität überzeugt war. "
Vom Mensch zum Kristall
Medium: Wiesbadener Kurier
Datum: 21.11.2008
Das Interview führte Stefan
Schröder.
" Christoph Cremer ist Anhänger der Multifunktionalität. Der Heidelberger Physiker, Biowissenschaftler und Mediziner fordert vehement ein zweckfreieres Studium – aber mit Studiengebühren und attestiert der Großregion Frankfurt- Karlsruhe glänzende Zukunftschancen.
Frage: Herr Cremer, warum
tun sich die Deutschen in den
Biowissenschaften so schwer?
Cremer: Wir fühlen uns von
den Folgen der Wissenschaft
meist bedroht. Und viel zu oft
sehen wir in ihr nur ein Mittel
zur Bekämpfung von Krebs
oder Altersdemenz.
Frage: Was spricht dagegen?
Cremer: Wir dürfen die Naturwissenschaften
nicht nur
unter funktionalen Gesichtspunkten
bewerten. Die Menschen
möchten sich erheben
lassen. Es gilt, in den Naturwissenschaften
auch die Geistigkeit
zu sehen. Bestimmte Phänomene
wie das Geheimnis
des Lebens darf man nicht nur
unter technischen Aspekten
betrachten. Das hat etwas mit
dem sich verändernden Begriff
Maschine zu tun. Noch Leibniz
sprach von der Göttlichen
Maschine, heute steht Maschine
für etwas Seelenloses. Kein
Mensch will sein Leben als Maschine
verbringen.
Frage: Sie sprechen damit
auch den Zwiespalt zwischen
den Naturwissenschaften und
anderen Fächern an. Was können
die Universitäten zu einer
Annäherung beitragen?
Cremer: Sehen Sie sich zum
Beispiel mal Universitätsbauten
an; die sehen ja oft hässlicher
aus als Schuhfabriken.
Vielen wird nicht mehr klar,
dass Wissenschaft das höchste
geistige Unternehmen der Menschheit darstellt. Wir wollten
mit unserem Sammelband
für die Voll-Universität werben,
es sollte keine Konfrontation
zwischen Philosophen
und Naturwissenschaftlern geben.
Frage: Woran krankt die
deutsche Universität konkret?
Cremer: Im Vergleich zu
den USA sind die Hochschulen
zu sehr auf einen Berufszweck
konzentriert. In den US-Master-
Studiengängen sind neben
Pflichtfächern weitere Studien
vorgeschrieben, die aber nicht
festgelegt sind.
Frage: Wie halten Sie es
damit persönlich?
Cremer: Bei mir hat einer
sofort Extrapunkte, wenn er
gute Noten in Physik oder Biowissenschaften
hat, aber auch
im Schulorchester spielt oder
eine anspruchsvolle Sportart
betreibt. Es geht mir bei dem
System Wissenschaft darum,
Fächer wieder zusammen zu führen, die zusammen gehören.
Frage: Einerseits fordern Sie
ein offenes Studium, andererseits
klagen Studenten über
Regelstudienzeit und müssen
mehr Zeit für Jobs aufbringen,
um ihre Studiengebühren zu
bezahlen.
Cremer: Diejenigen, die offen
sind für Neues, haben den
meisten Erfolg. Das ist meine
Erfahrung, unabhängig von
zeitlichen Belastungen. Oder
um es mit dem von Goethe
umformulierten Bibelspruch
zu sagen: ‚Was ist am schwersten
zu erkennen: das Offenbare‘.
Schauen Sie sich die meisten
Nobelpreisträger an. Die
haben vielseitige Interessen.
Frage: Wie passt Ihr Bild
vom breit interessierten Studenten
zu den Ergebnissen der
Pisa-Studie und anderen vernichtenden
Urteilen über
Schüler?
Cremer: Wir prüfen unsere neuen Kandidaten gewissenhaft.
Da reicht das Urteil von
„Oh Gott“ bis „unglaublich
gut“.
Frage: Was nutzen Studiengebühren?
Cremer: Sie sind dann sinnvoll,
wenn das Geld der Universität
zusätzlich zur Verfügung
steht.
Frage: Sie selbst kennen als
Hochschullehrer die amerikanischen
Verhältnisse, wo viele
Firmen und Privatleute für Stipendien
sorgen. Ist das Modell
auf Deutschland übertragbar?
Cremer: Ich empfinde die
vergleichsweise geringe Unterstützung
aus diesem Bereich in
Deutschland als fast skandalös:
Unternehmen wie die
Deutsche Bank oder Daimler
müssten im Grunde Tausende
von Stipendien ausloben. Das
wären unter dem Strich für
solche Firmen keine hohen
Ausgaben, gemessen an dem
Ertrag.
Frage: Aber es gibt doch
Initiativen.
Cremer: Die kann man gar
nicht groß genug herausstellen,
aber die Stiftungen der SAP Gründer
Hopp und Tschira
oder des MLP-Gründers Lautenschläger
für die Hochschulen
werden in der Öffentlichkeit
leider kaum gewürdigt. Bei
Hopp liest man immer nur von
seinen sportlichen Engagements.
Frage: Unserer Wirtschaft
stehen schwierige Zeiten bevor.
Wo liegen jetzt Chancen
für die Volkswirtschaft?
Cremer: Der Gesundheitssektor
bietet die besten Aussichten.
Im Moment wird in
der Medizin das meiste Geld
für die Reparatur des Menschen
mit unvollkommenen
Mitteln ausgegeben. Das liegt
nicht an den Ärzten, sondern
an unseren immer noch geringen
Kenntnissen über die unvorstellbar
verwickelte Natur des Lebens. Aber wir könnten
in absehbarer Zeit die Alzheimer-
Krankheit entscheidend
bekämpfen, indem man neurodegenerative
Plaquebildungen,
also Ablagerungen, im Gehirn
verringert. Das ist ein Beispiel
für viele, in denen die Anwendung
neuester molekularer
und physikalischer Verfahren
weiterhelfen könnte.
Frage: Wie soll man solche
Forschung denn finanzieren?
Cremer: Ich könnte mir vorstellen,
dass man den Gesundheitshaushalt
umschichtet.
Stellen Sie sich doch mal vor,
dass man sozusagen per
Knopfdruck die Krebsgene in
Ihrem Körper abschalten
könnte. Die Voraussetzungen
für konkrete Forschungen sind
bereits geschaffen.
Frage: Wie wollen Sie die
von Ihnen beklagte Forschungsfeindlichkeit
bekämpfen?
Cremer: Lassen Sie uns immer
erst mal über das Machbare
reden. Ein Beispiel: Alle
Welt diskutierte über die Verwendung
der embryonalen
Stammzellen. Inzwischen hat
sich herausgestellt, dass die
adulten Stammzellen, also diejenigen,
die man aus Organen
gewinnt, ohne Leben töten zu
müssen, fast ebenso viel erreichen
können. Diese Erfolge erzielt
jetzt das Ausland. Wir
brauchen ein Klima der positiv
begleiteten Forschung.
Frage: Welche Zukunftschancen
geben Sie der Region
Rhein-Main-Neckar?
Cremer: Wenn ich mir die
Ballung aus Wissen und Technologie
zwischen Frankfurt
und Karlsruhe angucke, gibt es
Riesenmöglichkeiten für einen
Boom, vor allem bezogen auf
die Biowissenschaften."
Lilith, Adams erste Liebe
Medium: Eßlinger Zeitung
Datum: 30.08.2008
Rezensent:
Gaby Weiß
"„Eine ernste Sache. Ein Heidenspaß.“ So lobte die Presse den kammermusikalischen Theaterabend „Lilith - Adams erste Liebe“, den der Schauspieler Ulf Deutscher und der Pianist Wolfram Born 2005 an der WLB uraufführten. Dabei spricht, erzählt und spielt Ulf Deutscher die Geschichte jener von den Engeln geschaffenen ersten Gefährtin Adams nicht nur, sondern er hat sie auch selbst geschrieben und in Verse gesetzt. Jetzt wird das ehrgeizige Projekt als Seh-Hör-Buch veröffentlicht. Bei einer Vorstellung in der Nähe von Wiesbaden saß Immo Hilbinger im Publikum, „ein echter Büchermensch“, wie Ulf Deutscher ihn charakterisiert, und Leiter eines auf Literatur und Wissenschaft spezialisierten Verlages. Der kam auf den Schauspieler zu, fragte nach dem Text, hörte verblüfft, dass es Deutschers eigener sei und bot ihm an, daraus ein Buch zu machen. ..."
"... „Lilith - Adams erste Liebe“ (AIG I. Hilbinger Verlag,
27.90 Euro) ist ein ganz besonderes Buch geworden: Ein Seh-Hör-Buch, das auf
einer beigefügten DVD Ulf Deutschers szenische Darstellung und Interpretation
von „Lilith - Adams erste Liebe“ zeigt, begleitet von raffinierten
Improvisationen des Pianisten Wolfram Born, aufgezeichnet während einer
Vorstellung an der Württembergischen Landesbühne. Norbert Hobrecht, der als Figurenbauer und Animator dem Film „Quest“ zu
Oscar-Ehren verhalf, hat das Theaterstück mit phantasievollen Einfällen und
künstlerischen Verfremdungen in Bilder umgesetzt. Dazu ist im liebevoll
aufgemachten Buch auf 120 Seiten der vollständige Text abgedruckt und mit Fotos,
farbigen Illustrationen und Momentaufnahmen aus dem Film angereichert. Dieses
multimediale Konzept des Seh-Hör-Buches ermöglicht es, Text, Aufführung und
Musik mit allen Sinnen zu genießen. „Sehen, Hören, Lesen. Bilder und Texte, Text
und Theater, gesprochene und geschriebene Sprache begegnen sich in einem
einzigartigen Vergnügen“, ..."
"... Mit viel Spaß am Fabulieren und an den Doppeldeutigkeiten der Sprache hat Ulf
Deutscher sein Lust-Spiel in sieben Fällen geschrieben, „eine fröhliche Reise
durch das Alte Testament, durch die jüdische Sagenwelt, durch Schriften, die
nicht in die Bibel aufgenommen wurden, und durch häretisches Schrifttum“, wie er
selbst sagt. „In meinem Stück geht es ums Lustigsein genauso wie um die Lust.“ ..."
Vom Mensch zum Kristall
Medium: Unispiegel der Universität Heidelberg
Datum: April-Juni 2008
Rezensent:
Johannes Schnurr
" Die Fortschritte der Wissenschaften in den letzten 200 Jahren sind gewaltig. Seit der Epoche Goethes und dem Zeitalter der idealistischen Naturphilosophie sind Einblicke in die Tiefenstruktur biologischer, chemischer und physikalischer Prozesse gelungen, die ein radikal neues Weltbild geformt haben. Auf der Habenseite dieser Entwicklung steht die fast vollständige Ausrottung von Seuchen und Infektionskrankheiten, die Kehrseite stellen Massenvernichtungswaffen, die Umgestaltung ganzer Lebensräume, letztlich die Bedrohung des Planeten dar. Das Prinzip unumschränkter Machbarkeit stößt dabei sichtlich an seine Grenzen: Die leidenschaftliche Diskussion um Stammzellenforschung und Gentechnik erweisen es exemplarisch. Der drängenden Frage, wie der Stellenwert menschlichen Lebens neu und ganzheitlich bestimmt werden kann, geht das gerade erschienene Buch „Vom Mensch zum Kristall. Konzepte der Lebenswissenschaften von 1800 - 2000" nach.
Herausgegeben von dem Heidelberger Physiker Christoph Cremer (vgl. seinen Beitrag auf dieser Seite) versammelt der Band als Autoren eine ganze Reihe renommierter Geistes- und Naturwissenschaftler wie Dieter Borchmeyer, Thomas Cremer, Anthony D. Ho, Hans Mohr und andere. Gemeinsam zeichnen sie den Erkenntnisgang zweier Jahrhunderte nach, der vom menschlichen Organismus hin zu der Entdeckung einzelner Zellen schreitet, weiter zu deren mikrologischem Aufbau durch einzelne Molekülkristalle und wieder zurück zu seiner aktuellen systembiologischen Interpretation als vitale Gesamtheit. Hervorgegangen ist das Buch aus einem Kongress, den die Goethe-Gesellschaft Heidelberg gemeinsam mit der Heidelberger Akademie der Wissenschaften veranstaltet hat. Eine inhaltliche Klammer bilden dabei die Texte des Kulturwissenschaftlers Manfred Osten „War Goethe mit der Physik gesegnet?" sowie als Pendant der Beitrag des theoretischen Physikers H. Günter Dosch „War die Physik mit Goethe geschlagen?". "
Vom Mensch zum Kristall
Medium: Rhein-Neckar-Zeitung
Ausgabe: Nr. 57
Datum: 07.03.2008
Rezensent:
Johannes Schnurr
"... Der drängenden Frage, wie der Stellenwert menschlichen Lebens neu und ganzheitlich bestimmt werden kann, geht das gerade erschienene Buch "Vom Mensch zum Kristall. Konzepte der Lebenswissenschaft von 1800-2000" nach. Herausgegeben von Christoph Cremer versammelt der Band als Autoren eine ganze Reihe renommierter Geistes- und Naturwissenschaftler wie Dieter Borchmeyer, Thomas Cremer, Anthony D. Ho, Hans Mohr und andere. Gemeinsam zeichnen sie den Erkenntnisgang zweier Jahrhunderte nach, der vom menschlichen Organismus hin zu der Entdeckung einzelner Zellen schreitet, weiter zu deren mikrologischem Aufbau durch einzelne Molekülkristalle und wieder zurück zu seiner aktuellen systembiologischen Interpretation als vitale Gesamtheit. ..."
Heinrich Schirmbeck
Medium: Hamburger Abendblatt
Datum: 20.05.2005
Rezensent:
Anne K. Strickstrock
"
„Ich will mich einsetzen für Menschen, die großartig sind, aber nicht mehr so gefragt. Menschen, die Tolles geleistet haben - und heute in bitterster Armut leben." Immo Hilbin-ger, Verleger aus Wiesbaden, hat es sich zur Aufgabe gemacht, an die Werke von Heinrich Schirmbeck zu erinnern. Der 90jährige, der heute kaum mehr lesen und hören kann, lebt in einer Künstlerkolonie in Darmstadt. Die literarische Welt scheint ihn bisweilen vergessen zu haben, den „großen Humanisten", das „Universalgenie".Nach einer Buchhändlerlehre machte er sich nach dem Ersten Weltkrieg als freier Rundfunkjournalist und Schriftsteller einen Namen, insbesondere mit seiner Gabe, die Naturwissenschaften in die Literatur einzubinden. Der große Alfred Döblin hielt die Laudatio am 14. Januar 1951: Die Akademie der Wissenschaften und der Literatur verlieh P.E.N.-Mitglied Schirmbeck in Mainz den Großen Literaturpreis. 18 Jahre später wurde er im Akademischen Rat der Humboldt-Gesellschaft aufgenommen - als einziger Schriftsteller.
„Peter Suhrkamp hatte ihn entdeckt und gefördert", weiß Verleger Hilbinger, der nun drei seiner Werke neu aufgelegt hat: Der Roman „Ärgert dich dein rechtes Auge" (1957) wird in den USA mit Thomas Manns „Zauberberg" gleichgesetzt.
Die Auseinandersetzung mit dem Atomzeitalter verlockte gleich vier Wissenschaftler zur Promotion.
„Daß er, wie die Mutter, noch in einer anderen Welt beheimatet war und deshalb etwas Gemeinsames mit ihr haben mußte, spürten sie mit der Sinnenwachheit unbefangener Kinderseelen." Dieser Satz stammt aus der (nun erstveröffentlichten) Novelle „Der Kris", die sich der Vieldeutigkeit der Identität nähert, den unscharfen Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit eine Silhouette verleiht.
„Dem mörderischen Wahnsinn eine innere Welt entgegensetzen"
Schirmbeck ist kein Träumer. Gleichwohl er seine Erzählungen etwa „Die Feuertänzerin'', „Sphärenmusik" oder „Sonnengesang" nennt. Durch sein faszinierendes Spiel mit Sprache beeindruckt er Wissenschaftler, Dichter und Philosophen gleichermaßen.
„Die Pirouette des Elektrons" heißen sodann seine Meistererzählungen, die zum Teil in den Kriegsjahren, zwischen 1940 und 1945 entstanden, aus der Feder eines Soldaten, der „dem mörderischen Wahnsinn des Geschehens eine innere, dem Humanen verpflichtete Welt, entgegensetzen" wollte. Noch heute, versichert der Autor, verbürgen seine Texte „eine zeitunabhängige Aktualität der sich stets neu erschaffenden Menschlichkeit". Die Wiederbewaffnung der BRD, später die atomare Aufrüstung und der Nato-Doppelbeschluß waren Ziele seiner Protestmärsche. ...
... Schirmbeck verlangen Achtung und Aufmerksamkeit. Gesellschafts- und kulturkritische Themen zirkeln seinen Geist. Sein Wirkungskreis spannt sich von Biotechnik und Gentechnologie über die menschliche Selbstverwirklichung bis hin zur umfassenden Ethik.
Damit auch kommenden Generationen Name und Werke des betagten Schriftstellers lebendig bleiben, gründete Verleger Immo Hilbinger jüngst den „Förder- und Freundeskreis Heinrich Schirmbeck" mit Sitz in Wiesbaden. Hier soll künftig auch ein Preis für herausragende literarisch-wissenschaftliche Arbeiten ausgelobt werden. "
Heinrich Schirmbeck
Medium: Hamburger Abendblatt
Datum: 20.05.2005
Rezensent:
Anne K. Strickstrock
"
... Erzählkunst ist es, die diese beiden Seiten zusammenbringt.Man kann sich Schirmbecks Stimme zu den jüngsten gesellschaftlichen Debatten vorstellen. Nutzen und Gefahren der Gentechnik, die Folgen der Hirnforschung für das Selbstverständnis des Menschen, die Frage nach der Ursache von Terror und nach der Rechtfertigung von Kriegen, neue soziale Klüfte in einer immer weniger sozial ausgerichteten Marktwirtschaft - all das sind Themen, zu denen der Schriftsteller etwas zu sagen hätte. Eigentlich müsste er an jedem zweiten Sonntag bei Christiansen sitzen. Aber um den auf der Darmstädter Rosenhöhe lebenden Heinrich Schirmbeck ist es still geworden. Das gönnt man einem Menschen, der morgen (23.) seinen neunzigsten Geburtstag feiert, ja gerne. Das Ruhegeben war Schirmbecks Sache freilich nie; Schreiben ist für ihn stets auch das Bemühen um Wirkung.
Er schrieb Hunderte von Rundfunkessays
Und so machte er nicht nur-als Erzähler von sich reden. Zur Legende geworden sind Hunderte von Rundfunkessays, die sich beispielsweise mit christlicher Ethik und industrieller Erdausbeutung beschäftigten, mit manipulierten Gehirnen und dem Konzept der Sonnen-Wasserstoff-Wirtschaft, das die Energieprobleme der Erde lösen sollte. Es waren Arbeiten, für das Tagesgeschäft des Hörfunks gemacht, aber über den lag hinaus gedacht. Dass die Idee des klugen Rundfunkvortrags heute Heinrich Schirmbeck, in Darmstadt lebender Autor, wird morgen (23.) 90. ein wenig nostalgisch wirkt, zeigt freilich auch, wie diese Form der intellektuellen Debatte an Stellenwert verloren hat. Zudem mischte Schirmbeck sich politisch ein. Von der „Überwindung der Aggression" schrieb er lange, bevor sich in Deutschland eine Friedensbewegung formierte. Spätestens seit der Nachrüstungsdebatte war er an ihrer Seite - als Teilnehmer etwa einer Tagung, die Gegner der Nachrüstung ausgerechnet in Nürnberg veranstalteten und der sie anklagend die Überschrift „Tribunal" verpassten. Und als Wolf Biermann 1991 den Büchnerpreis bekam, kritisierte Schirmbeck heftig die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, deren Mitglied er ist, wegen ihrer Auszeichnung eines Befürworters des ersten Golfkriegs. ... "